Mit den südböhmischen Behörden war alles rasch akkordiert. Es gab auch kaum Sprachprobleme. Die Kosten für das Südböhmische Sonderlager übernahm die Stadt. Das Projekt wurde von der EU gesondert gefördert und belastete somit nicht das Budget der Kulturhauptstadt. 2009 muß sie sauber sein, die Stadt, befand Bürgermeister Dobermann. Ich will keine Sandler sehen, so Dobermann (in den Medien las man das Wort Obdachlose, worauf die Gemeinde Sandl bestand), auch keine gebrauchten Spritzen, keine bettelnden Zigeuner, keine Nutten, keine Alkoholleichen, keine Schwulen, keine Schulschwänzer, keine Protestierer gegen die Kulturhauptstadt. Wir freuen uns auf zigtausende Touristen. Wir wissen aber, daß Kriminaltouristen unter ihnen sind, so Dobermann im Gemeinderat, und mit denen fahren wir, in der Summerauer Bahn. Eine saubere Lösung, meinte Dobermann. Pannen konnte man den Tschechen anhängen; und Pannen hatte es in der Vergangenheit gegeben. Ein Sandler, pardon, ein Obdachloser, den man vom Bahnhof ins Hafenviertel deportiert hatte, war aus Angst in ein Hafenbecken gesprungen und dort hilflos ertrunken. Zwischenfälle wie diesen galt es zu vermeiden. Deshalb stimmten auch fast alle Fraktionen dem Sonderlager zu. Proteste der Sozialistischen Jugend und der Freiheitskämpfer waren zu erwarten. Man mußte und konnte sie wegstecken. Jemand, der zu laut protestierte, war schließlich ein Lagerkandidat.
Gerne hätte auch er protestiert, der 19jährige Strichjunge Jürgen. Zum Beispiel dagegen, daß in allen Parkanlagen Sträucher und Gestrüpp abgeholzt worden waren, um, wie es so schön hieß, die Sicherheit zu erhöhen. Früher hatte sich Jürgen am liebsten im Volksgarten aufgehalten. An dieser Stelle muß ein Geheimnis gelüftet werden. Jürgen war ein Pseudonym. Er selbst im Originalton: Mein Name ist ein Künstlername. In Wirklichkeit hieß der Sohn bosnischer Einwanderer Bogdan. Sie waren 1995 aus dem zerstückelten, vom Krieg gebeutelten Jugoslawien nach Österreich geflüchtet. Damals war Bogdan, alias Jürgen erst fünf Jahre alt. Nachdem er mit blondem Haar gesegnet war, legte er sich, um bei den Österreichern besser anzukommen, eines Tages den germanisch klingenden Namen Jürgen zu. Um diesen Namen zu tragen, mußte man Deutsch perfekt beherrschen, meinte Bogdan. Das gelang nicht von heute auf morgen. Zunächst wurde in Bogdans Familie nur Bosnisch gesprochen, das sich vom Kroatischen und Serbischen kaum unterschied. Schließlich sprach man Bosnisch nur noch, war man in der Öffentlichkeit, auf der Straße etwa oder im Autobus. Aber dafür erntete man auch Kopfschütteln oder böse Blicke. Bogdan verstand seine Muttersprache, die in Bosnien auch eine Amtssprache war, immer noch recht gut, aber der Wortschatz verkleinerte sich von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Redeten ihn die Eltern auf Bosnisch an, antwortete er immer öfter in gebrochenem Deutsch. Dann verbesserten sich die Deutschkenntnisse. Mit einem Mal, Bogdan hatte die Pflichtschule längst hinter sich, sprach er völlig akzentfrei. Als er mit Freunden auf einer ländlichen Unterhaltung erschienen war und im schönsten österreichischen Slang ausgerufen hatte: Weiber, versteckts eure Haberer, die Schwulen kommen, wurde er trotzdem oder gerade deshalb von den Mädchen umschwärmt. Solche Momente genoß er, denn er wußte, eines Tages... Bogdans Eltern, gläubige Muslime, hätten nicht erfahren dürfen, daß er auch Jürgen war. Wüßten sie über
sein Doppelleben bescheid, wer weiß, womöglich würden sie ihren verlorenen Sohn für immer verstoßen. Aber Bogdans Erzeuger lebten schlecht und recht integriert in Steyr, für Jürgen weit genug weg, um nicht entdeckt zu werden.
Der Volksgarten, also der war für Ihn passé. Vorbei die Zeit, in der seine hautengen weißen Hosen im Dickicht des nächtlichen Gartens leuchteten. Jürgens neuer Standplatz war unter der Erde, das öffentliche WC in der Passage unter der Unionkreuzung. Er erinnerte sich an frühere Diskussionen mit der Sitte. Die schaute hin und wieder im Garten vorbei. Fragte ihn einer: Auf wen wartest du?, gab er zurück: Auf einen Freund; der Beamte darauf: Du wolltest wohl sagen, auf einen Freier. Einmal wurde er gefragt, warum er das Flinserl auf der linken, wörtlich auf der falschen Seite trüge. Jürgen schlagfertig: Sie haben ein Vorurteil, Herr Kommissar. Manchmal kontrollierten die Polizisten auch die Kondome. Ein Sittenwächter zu Jürgen: Verwendest du sie auch? Darauf Jürgen verschmitzt: Immer, außer vielleicht im Stiagnhaus, wenns pressiert. Aber heutzutage war alles anders. Die eigens für die Kulturhauptstadt gegründete Kulturpolizei (kurz Kupol) diskutierte nicht, nahm einen wortlos in einem mausgrauen Dienstwagen mit, auf dem das Hauptstadtlogo prangte; und ab gings zum nächsten Zug der Summerauer Bahn, um in einem plombierten Abteil nach České Budějovice deportiert zu werden. Da gabs nur eins: Sprinten, Jürgen war sehr sportlich, versuchen, sich in einem nahen Kebablokal auf der Wiener Straße zu verdrücken oder, war man knapp bei Kasse, Haken schlagend, so schnell wie möglich den Andreas-Hofer-Park zu erreichen, das ist der mit dem unverwüstlichen Flakbunker, um sich auf einer Kinderschaukel auszuruhn, bis man wieder ruhiger atmete. Fast fühlte er sich dann verwandt mit dem rebellischen Tiroler. War der nicht auch oft auf der Flucht?
Doch heute war ihm der Weg Richtung Herz-Jesu-Kirche versperrt. Durch die Kupol. Auch in dem Gotteshaus hatte er sich schon versteckt. Im Beichtstuhl. Heute mußte er in die andere Richtung. Er rannte im Schutz der Dämmerung bei Rot über die Kreuzung. Beim PhönixTheater entdeckte er eine angelehnte Tür. Flugs war er im Inneren des Gebäudes. Sekunden später saß er im Zuschauerraum und wohnte einer Generalprobe bei. Aber das merkte er nicht gleich. Da saß nun, umgeben von Künstlern, einer, der auch einen Künstlernamen trug. Er wunderte sich, daß ihn niemand des Saales verwies. Im Gegenteil. Man nahm von ihm keine Notiz, was wohltuend war. Und die Kupol war ihm nicht mehr auf den Fersen, was doppelt wohltuend war. Daß die Leute des Phönix-Theaters mutige Theaterleute waren, das war allgemein bekannt. Aber hätten sie die Kupol kurzerhand rausgeschmissen und damit Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet? Jürgen konnte es nicht wissen. Auch konnte er nicht wissen, was sich hier schon einmal abgespielt hatte, abseits des Spielbetriebs. Bevor nämlich die Straßenbahn unter die Erde, bevor die Unionklappe, so hieß das WC im Milieu, dorthin verlegt worden waren, befand es sich genau vis-à-vis vom Theater, auf der anderen Seite der Wiener Straße. Eines Tages entdeckte der beherzte Dramaturg, daß Zivilbeamte im Theater waren und den Eingang zum WC im Visier hatten. Was machen Sie da?, so der
Dramaturg forsch. Wir müssen da etwas beobachten, antwortete der Anführer der Bullen und zückte die Blechmarke mit dem Bundesadler. Das ist Hausfriedensbruch. Verlassen Sie sofort das Theater!, schnauzte ihn der Dramaturg an. Zähneknirschend befolgten sie, was ihnen geheißen, und brachten sich vor dem Theater in Stellung. Dort aber war es, wie der Theatermann befriedigt und belustigt feststellte, winterlich kalt.
Das Stück von Marlene Streeruwitz, das heute zum letzten Mal probiert wurde, hieß New York. New York. Schauplatz war eine ehemalige k.k. Piß- und Bedürfnisanstalt der Stadtbahnhaltestelle Burggasse. Zwar in Wien, aber genau so grindig wie unter der Union, wie Jürgen fachmännisch erkannte. Nur auf so eine strickende Theaterklofrau wie die alte Horvath, auf die können wir unter der Union getrost verzichten. Zum Personal gehörte auch ein taubstummer Stricher, 20, Mick-Jagger-Typ. Den Stricher könnte ich auch geben, durchfuhr es ihn. Aber sicher nicht so gut wie ein richtiger Mime, schränkte er in Gedanken ein. Außerdem bin ich alles andere, nur kein Mick-Jagger-Typ. Jürgen war ahnungslos. Die Maske hätte das schon geschafft. Dort werkten Verwandlungskünstler. Er blieb bis zum Ende der Probe und fühlte sich sogar ein wenig geehrt. Möglich, daß er so manches Wort der Dichterin mißverstanden hatte. Immerhin, hatte er nicht heute eine neue Marlene kennengelernt, nach der Dietrich, die er fast so abgöttisch verehrte wie viele seiner älteren Freunde? Der Beifall war schütter und heftig zugleich. Bei Generalproben sind die Reihen auch manchmal schütter besetzt. Später bedauerte Jürgen, sich nicht getraut zu haben, in die Hände zu klatschen. Als die Akteure zu diskutieren begannen, es klang in Jürgens Ohren wie Streit, verließ er vorsichtig das Theaterasyl. Noch war der Zuschauerraum unbeleuchtet. Nur vom Regiepult schien mattes Licht herüber. Als sich der Raum plötzlich erhellte, hatte er den Ausgang noch nicht erreicht. Einen kurzen Moment lang war ihm zumute, als ob er entdeckt worden wäre. Dann, es war spät geworden, ging er wieder unter die Erde... und wartete... auf einen Freund; und der ließ auf sich warten.
Hanns Christian Schiff, geboren 1949, 32 Jahre Mitglied des Bruckner Orchesters Linz, acht Jahre Programmautor des Brucknerhauses, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien des In- und Auslandes, Mitglied der Grazer AuorInnenversammlung (GAV).