Wenn wir jetzt eben auf die Vergangenheit der letzten 20 Jahre zurücksehen. Jetzt eben. Das heißt am Beginn der wirtschaftlichen Depression nach dem meltdown des Finanzmarktes. Wenn wir also jetzt eben auf diese letzen 20 Jahre zurücksehen, dann wird sichtbar, daß jede Kritik an der Kulturpolitik dieser 20 Jahre auf die Wirtschaft angewandt werden hätte können. Daß die Kulturpolitik ein verzweifelter Versuch gewesen war, sich dem Höhenflug des Kapitalismus anzupassen. Daß die Kulturpolitik und dieser Politik verpflichtete Kulturschaffende sich dem Kapitalismus andienten, die Stillösungen für diese Politik auszuarbeiten. Politik und Kultur waren eine Komplizenschaft eingegangen, die den Tanz um das Goldene Kalb Sponsoring nannte und die Machtübernahme in Kulturinstitutionen Teilrechtsfähigkeit. Die vollkommene Entstaatlichung der Kultur war das Ziel. Wie aber bei allen Entlassungen in die Teilrechtsfähigkeit und die Selbstversorgung, die ja nun jeder und jede einzelne Person erfahren mußte. Wie bei allen diesen Quasifreiheiten mußte in der Bestätigung dieser Freiheit das Verlogene daran in den Stillösungen enthalten sein. Sonst gab es keine Zulassung zu diesen Quasifreiheiten. Wenn also nicht die Affirmation zu diesem „Quasi“ vorlag, dann wurde man oder frau keine Museumsdirektorin oder eine Autorin. Diese Anpassung wurde über Rahmenbedingungen erzwungen. Rahmenbedingungen, wie wir sie in der Sozialrechtsgesetzgebung für Künstler und Künstlerinnen vorfinden, in denen die Verwaltung genau vorgibt, wann und wodurch einer oder eine dazu wird. Oder die Rahmenbedingungen für die Intendanz einer Kulturhauptstadt waren so ausgelegt, daß nur Personen mit der höchsten Affirmation und der lustigsten Verkleidung davon in die nähere Auswahl kommen konnten. Auf allen Ebenen der Kultur ging es um Performation. Wer die nicht leisten konnte oder wollte, der fiel gar nicht mehr unter die Begrifflichkeit Kunst und Kultur. Wieder war es einer Elite gelungen über die Konstruktion „objektiver Kriterien“ eine Ausdifferenzierung in Gang zu setzen, die eine andere Kunst und Kultur gar nicht mehr sichtbar werden ließ. Wir können diesen Vorgang nun nennen wie wir wollen. Wir waren ihm alle ausgesetzt. Und. In weit größerem Ausmaß, als einem oder einer das klar werden konnte. Die Leben mußten ja in dieser Zeit gelebt werden. Die Tatsache, daß diese über Verwaltung festgelegten Rahmenbedingungen unsere Leben in gerade erst sichtbarem Ausmaß bedingten. Erst die jetzt sichtbar werdende Realität gibt den Ausblick auf das Törichte frei. Das erzwungen Törichte in unseren Leben, die in den neoliberalen Rahmenbedingungen gefangen, die eigene Hospitalisierung betreiben mußten. Und. Es haben nicht alle überlebt. Die letzten 20 Jahre waren für eigenes Denken und eigene Wege in Kunst und Kultur von schleichender Gefährlichkeit. Die Ohnmachtsgefühle, die Amtsbriefe hervorrufen, haben Wirkung. Es sind ja immer die Empfindlichsten, die als Erste stumm gemacht werden und wir standen immer wieder am Rand von Gräbern und wußten, daß es gewollt war. Daß es gewollt war, daß diese Person nichts mehr sagt. Schreibt. Malt. Bildhauert. Collagiert. Komponiert. Fotografiert. Filmt. Denkt.
Was in den Leben so zurichtend wirksam wurde. Das war in der Kulturpolitik die gewollte Norm. Graz als Kulturhauptstadt war ein Spielplatz des neoliberalen Führungsstils. Zurückgeblieben sind Schulden und einige Gebäude, die aber ihren Zweck nicht erfüllen können.
Die Stadtgemeinde muß mit den Schulden und den Kulturruinen nun fertig werden. Das ist im Kleinen nicht anders als die Übernahme der Bankschulden und der Immobilien, die nicht bezahlt werden können. Die Wähler und Wählerinnen könnten aus diesen Vorgängen etwas lernen. Sie könnten lernen, daß es verschiedene Begriffe von Kultur gibt. Daß Kultur nicht die Religion ersetzen sollte und darin eine Art soziales Selbstverständnis vorgibt, wenn es doch notwendig wäre, dieses Selbstverständnis vorsichtig zu entwickeln und sich deutlich dazu zu verhalten. Man oder frau könnte daraus lernen, daß Konsumverhalten zum eigenen Schaden in die Verarmung führt. Auch in die kulturelle. Konsumverhalten führt auch in der Kultur zu Konzentrationen und fast culture, die zu einer ähnlichen Verfettung des Geistes führt, wie fast food zur Verfettung des Körpers.
Letzten Endes aber geht es darum, den eigenen Augenblick ernst zu nehmen. Die eigene Zeit. In Krisen wird das zur Überlebensfrage und es wäre besser, schon gerüstet zu sein. Aber weitermachen. Einfach so weitermachen. Weitermachen mit diesen Wohlfühl-IchGebe-Dir-Deine- Affekte- Zur-Ansicht-Kulturangeboten. Das ist vollkommen unmöglich. Das ist vor allem undemokratisch.
Für ein Vorhaben wie eine Kulturhauptstadt. Da hieße das, eine solche neoliberale Institution selbst niederzureißen. Alles in sich kollabieren zu lassen und aus den Trümmern eines solchen virtuellen Zusammenbruchs den realen Zusammenbruch nachzustellen und daran zu lernen, was Zusammenbruch bedeutet. Was der kostet. Was der anrichtet. Was der an den Menschen tut. Jedes geplante Projekt wäre daraufhin zu richten und im Suchen der eigenen Orientierung im Projekt so etwas wie Orientierung überhaupt vorzuführen. Es müßte also das Ende des Kulturhauptstadtprojekts verkündet werden und ein Danach eine völlig andere Auseinandersetzung ermöglichen. Denn. Wenn die Kulturschaffenden, die nun in ihrer Zulassung zum Kulturhauptstadtprojekt schon ihre Anpassung an die neoliberalen Rahmenbedingungen affirmierten. Wenn also diese, den Kapitalismus und seine Gewalt bestätigenden Kulturschaffenden dann auch noch die Kultur des Kapitalismus und der damit verbundenen Gewalt weiterbestätigen, indem sie weitermachen, wie ausgemacht. Dann ist es endgültig Zeit, die politische Konsequenz zu ziehen. Das heißt Kritik. Offene Auseinandersetzung. Das heißt das Ende des Schmusekurses anderen Künstlern und Künstlerinnen gegenüber. Nicht anders als der katholischen Kirche gegenüber, die ja in der österreichischen Geschichte immer die Spiritualität zur Krise lieferte wird dann die Kunst und die Literatur einer genauen Prüfung ihrer Wirkungsästhetik zu unterziehen sein. Linz sollte damit beginnen.
Marlene Streeruwitz - Freie Texterin und Journalistin. Literarische Veröffentlichungen ab 1986. Freiberufliche Schriftstellerin und Regisseurin. Lebt in Wien, Berlin, London und New York.