Notizen aus einem Gespräch zwischen Ada Kollwitz und Niko Wahl
Im Oktober 1879 wurde Camillo Castiglioni als Sohn eines Triestiner Rabbiners geboren. Castiglioni machte eine glänzende wirtschaftliche Karriere. Durch geschicktes Agieren in den Wirtschaftswirren des Ersten Weltkrieges und durch Investitionen an den Börsen Europas wurde er zu einem der reichsten Männer Österreichs und Europas. In der Zwischenkriegszeit war er an einer Vielzahl Österreichsicher Firmen beteiligt – bis er, aufgrund von Währungsspekulationen einen guten Teil seines Vermögens einbüsste und eine neuerliche Finanzkarriere in Berlin begann. Sein weiterer Lebensweg führte ihn aufgrund einer vom Nationalsozialismus erzwungenen Emigration in die USA und nach Kriegsende zurück nach Italien. Überall schaffte er es durch sein wirtschaftliches Agieren rasch wieder auf finanziellen Erfolgskurs.
Berühmt wurde Castiglioni aber nicht so sehr durch seine wirtschaftliche Aktivität, sondern durch seine Leidenschaft für Kultur. In den Tagen seines wirtschaftlichen Erfolges legte er eine umfangreiche Kunstsammlung an, wurde zum Besitzer des Theaters in der Josefstadt und zum maßgeblichen Mäzen des Regisseurs Max Reinhardt. Darüber hinaus investierte Castiglioni in junge Autoren, Journalisten und Verleger.
Als Akteur zwischen Wirtschaft und Kultur ist Castiglioni bis heute interessant. Sein Engagement im publizistischen Bereich hatte direkte Verbindungen zu seinem wirtschaftlichen Erfolg: In den von ihm beeinflussten Publikationen wurden wirtschaftliche Gegner „an die Wand geschrieben“, wurden Aktienkurse und Firmenschicksale nach seinem Belieben öffentlichkeitswirksam beeinflusst. Sein Engagement am Theater diente zumindest zu einem Teil der Selbstdarstellung, die Castiglionis gesellschaftlichen Rang festigte und ihm somit wiederum mehr Gewicht als bedeutender Wirtschaftstreibender des Landes gab. Gleiches kann über die Kunstsammlung gesagt werden: Die Sammlung, untergebracht in einem repräsentativen Adelspalais in bester Wiener Innenstadtlage, diente zu einem guten Teil dazu, die Person Castiglioni nach eigenem Bestreben ins rechte Licht zu rücken. Von Castiglionis seinerzeit omnipräsenter Position in Österreichs Kultur und Wirtschaftsleben ist fast nichts geblieben: Als er 1923 nach einer Reihe fataler Fehleinschätzungen an der Börse einen großen Teil seines österreichischen Vermögens verlor, musste er auch die Kunstsammlung veräußern. Was blieb ist ein Versteigerungskatalog, der eine umfassende Sammlung von Werken aus dem 19. Jahrhundert dokumentiert, die sich allesamt nur wenige Jahre im Besitz Castiglionis befanden.
In den Tagen seines Erfolges besaß Castiglioni für die Sommerfrische eine Villa am Grundlsee. In den 40er Jahren wurde diese Villa zu einem Kulturspeicher umfunktioniert. Ebenso wie an anderen Orten, die wegen ihrer Sicherheit vor alliierten Bomberschwadronen ausgewählt worden waren, wurde hier Kulturgut gelagert, dass im Rahmen der NS-Kulturpolitik in ganz Europa gekauft, geraubt und gesammelt worden war. In der Villa Castiglioni lagerten die Bücher für die monumentale Linzer Führerbibliothek. Eine Bibliothek, die neben anderen Kulturinstitutionen aus Linz die Kulturmetropole des Dritten Reiches machen sollte.
Die Bibliothek nahm nie physische Form an – Murray Hall bezeichnet sie als „virtual Führerbibliothek“ – lediglich ihr Magazin war für einige Jahre Realität. Nach Kriegsende wurden die Bestände (nach Hall 55.000 Bände) von den Alliierten aufgelöst und verschwanden zum Teil in österreichischen Bibliotheksinstitutionen, wo erst vor wenigen Jahren der Prozess ernst gemeinter Provenienzforschung und Restitution begonnen hat.
Eine andere virtuelle Linzer Kulturinstitution war das Führermuseum. Ähnlich dem Vorgehen zur Etablierung einer Führerbibliothek wurden auch hier europaweit Kunstwerke recherchiert, besichtigt, transportiert – gekauft und geraubt – und schließlich an unterschiedlichen Lagerorten Depots angelegt. Auch hier ist die Nachkriegsgeschichte komplex und die Überreste dieses kulturpolitischen Sammlungsunternehmens sind spärlich. Ähnlich der Sammlung Castiglioni, ist diese Sammlung heute nur mehr in Katalogform präsent: Adolf Hitler, dem das Linzer Führermuseum ein persönliches Anliegen war – ließ sich Fotos der Werke vorlegen und mit diesen Fotos einen mehrbändigen Katalog des virtuellen Museums anlegen.
Die Kunstsammlung der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers umfasst heute 3.500 Kunstwerke von Teils weltbekannten KünstlerInnen. Ein Flügel des New Yorker Metropolitan Museums ist nach einem der ehemaligen Firmenchefs benannt, das renommierte International Center of Photography (NY) basiert zu einem wichtigen Anteil auf der finanziellen Unterstützung von Lehman Brothers. Der Sammlung von Lehman Brothers wird wohl ein ähnliches Schicksal bevorstehen wie jener der Firma Refco, deren Sammlung von 500 bedeutenden Fotografien nach der Firmenpleite 2006 durch das Versteigerungshaus Christie’s en detail verkauft wurde. Von der Refco Sammlung bleibt heute nur mehr ein Katalog, der die aufgelöste Sammlung anhand ausgewählter Beispiele repräsentiert.
Auch in Österreich sind Kunstsammlungen und Kunstbetrieb in fortschreitendem Maß von privaten, wirtschaftlichen Investoren und Konzernen abhängig. Seien es Kunstsammlungen wie jene des Energiekonzerns Verbund oder das kulturelle Engagement der Erste Bank Stiftung. Museumsinstitutionen wie das Wiener Bank Austria Kunstforum, die Generali-Foundation können hier als Beispiele dienen.
Finanzkräftige Konzerne drängen – zumindest in wirtschaftlich dynamischen Zeiten – auf den Kunstmarkt. Politische Akteure kaufen Kunst und konzipieren Sammlungen und deren Präsentation im Sinne des eigenen politischen Willens. Die Sammlungen gehen mit diesen Sternen auf und wieder unter. Die Kunst bleibt – wenn auch in immer wieder neuen Sammlungszusammenhängen – erhalten. Tut sie das wirklich?
Zum einen ist der Einfluss des Sammlungszusammenhangs nicht zu unterschätzen. Kunstwerke ändern ihre Bedeutung und ihren Inhalt durch die Präsentation und das Sammlungsumfeld. In großen Sammlungen kommt dem einzelnen Kunstwerk nicht viel mehr Funktion als die eines einzelnen Mems zu. Dies ist nicht unbedingt ein Nachteil – aber jedenfalls ein starker Einschnitt in die Integrität des einzelnen künstlerischen Statements.
Die Integrität des Kunstwerkes, basiert letztlich auf den (selbst- wie fremdbestimmten) Produktionsbedingungen des Künstlers / der Künstlerin zum Zeitpunkt der Arbeit an dem jeweiligen Werk. Der Einfluss von Auftraggebern, potentiellen Kunden und Käufern am Kunstmarkt hat hier relevanten Einfluss. Dabei ist Kunst dem Diktat der Sammelbarkeit ebenso unterworfen wie jenem des Geschmacks oder der Ideologie der potentiellen Käufer und deren Nutzung des Kunstwerkes.
Die Ausstellung „politische Skulptur“ die im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres bereits 2008 in Linz zu sehen war, thematisierte genau diese Problematik der Kunstproduktion und der Kunstrezeption. Die Ausstellung erarbeitete ihre Aussagen anhand historischer Künstlerpersönlichkeiten – die Problematik zieht sich aber bis in die Gegenwart – in der sie vielleicht um eine weitere Facette bereichert wird: Für die gegenwärtige Kulturproduktion sind Businesspläne, Kommunikationsstrategien und Marketing, rechtliche und steuerliche Aspekte keine Fremdworte. Der Künstler / die Künstlerin versteht sich selbst oft als anteilig wirtschaftliche AkteurInnen. Der künstlerische Leiter der Kulturhauptstadt bezeichnet sich als Kulturunternehmer und will ein Feld zwischen Kultur und Wirtschaft bearbeiten.
Dabei soll es hier nicht um eine reaktionär, vergangenheitsverklärende Perspektive auf die Künstlerpersönlichkeit als weltfremdes Genie gehen. Das unternehmerische Geschick von Künstlerpersönlichkeiten, in deren „Schulen“ und „Werkstätten“ eine wirtschaftlich ausgerichtete Produktion von Kunst aller Art stattfand, finden sich weit in der Vergangenheit und selbst die Kunstproduktion der geniebegeisterten Romantik war diesem Vorgehen in der Produktionsrealität nicht abgeneigt.
Vielmehr geht es darum, dass sich nunmehr durch das bereitwillige Einlassen auf die wirtschaftliche Vorgehensweise auch die Inhalte grundlegend verändert haben. Die Kunst wird nach wirtschaftlichen Parametern produziert, in einer Ausdrucksform die einer kaufkräftigen Konsumentenschaft gefallen kann. Die Zeit als man von den verschwimmenden Grenzlinien zwischen Kultur und Wirtschaft ausgehend operieren konnte ist eingeholt von einer Entwicklung die einen gemeinsamen Grid und gemeinsame Operationsmodi der beiden gesellschaftlichen Felder gebracht hat. Dabei erodiert die grundlegende Funktionsfreiheit des kreativen Vorgehens im Unterschied zum wirtschaftlichen Gebaren. Die oben erwähnten realen Kataloge virtueller Sammlungen und Museen – sind in ihrer historischen Tragödie somit von einem Kulturbetrieb eingeholt worden, dessen Postulat „…für jeden etwas“ zu bieten, zu
einem referentiell verfahrenden Täuschungsmanöver des potentiellen Publikums verkommt. Die Gegenstrategie ist übrigens auch meist zum Scheitern verurteilt. Künstlerische Verweigerungshaltung ist ebenso vermarktbar wie der (postulierte) Versuch sich innerhalb des wirtschaftlich geprägten Kulturtreibens Gedanken über eben jenes zu machen. Das Referentielle erlaubt den Umgang mit Firmenlogos und Marketingstrategien genauso wie es lustvolle Anleihen beim Punk nehmen kann. Das Referentielle an sich ist in der Lage die Bedeutungsebenen der kreativen Prozesse durch stroboskopartige Betrachtungsrythmen zur völligen Belanglosigkeit zu zerhacken und sie zum Dekorum zu formen.
The show is over. The audience get up to leave their seats. Time to collect their coats and go home. They turned around […] No more coats and no more home.
(1) Aussage des Intendanten von Linz09 anlässlich seiner Rede bei der Eröffnungsgala des Kulturhauptstadtjahres am 31. Dezember 2008 im Brucknerhaus Linz.
Ada Kollwitz und Niko Wahl, sind Partner im Wiener Kulturbüro kollwitz/montefiore/wahl und arbeiten an Kulturkonzepten, Ausstellungen und wissenschaftlichen Projekten. Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen unter anderem für das Jüdische Museum Wien, das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, die Stadt Wien, das Museum für Angewandte Kunst und das Wien Museum. Wissenschaftliche Arbeiten für die Österreichische Historikerkommission. Niko Wahl war 2007/2008 an der Entwicklung des zeitgeschichtlichen Programms von Linz09 beteiligt.