Intro.
Lange bevor es ruchbar wurde, dass in Linz ein von Linz09 gut subventionierter Tatort gedreht wird, der zweifelsohne der Stadt überregionale und - einmal mehr - völlig eingekaufte Beachtung bescheren soll, gab es im kleinen Linzer Dorf selbst die Idee, einen Tatort zu machen: Allerdings mit anderem Inhalt, anderer Intention, mit abweichendem Blick. Kurz gesagt, mit einer Reflexion auf das, was hier vor Ort und unser aller Augen abläuft, mit einer Geschichte, die das zu benennen versucht, was dieser Tage schwer zu benennen ist: Kritik , die in bester Genremanier dorthin schaut, wo sich Schwachstellen und Brutalität des Systems fest in die Individuen eingenistet haben, wo der niedere Instinkt des Outlaws den gesellschaftlichen Wandel vorfindet, wo einander Macht und Moral fest in die Augen sehen. Und was weiß der gute Kriminalist? Dieser Ort ist immer vor der eigenen Haustür zu suchen. Und was weiß die gute Krimiautorin? Woanders anzusetzen gilt nicht. Deshalb soll hier ein alternativer fiktionaler Tatort ausgebreitet werden. Zu Zeiten des letzten Countdowns.
Kritik für alle.
Nun, in diesen Tagen beginnt’s wirklich in Linz, das Großevent Kulturhauptstadt, mit der großen allumfassenden Rahmenprogrammatik „Kultur für alle“ – mit Highlights, Glanz und Gloria, mit echter Auseinandersetzung und Oberflächenbeschau, mit Getümmel, Getrampel und Ruhepolen, mit Dramaturgie, Stadtstaat und Ersatzreligion, mit Pragmatik und allumfassender Inszenierung. So sieht‘s zumindest aus: Alle dürfen, sollen und müssen eingebunden werden. Alle Guten. Und was wissen alle? Das Gegenteil von Gut ist oft nur gut gemeint. Und was weiß die Autorin? Dort wo alle angesprochen sind, geht’s oft um niemanden. Und der Kriminalist? Der weiß, dass unter dem schönen Schein oft ganz, ganz hässliche Fratzen verborgen sind, je schöner, desto hässlicher. Und weil der gute Kriminalist ein großes Herz für die Menschen hat und sich per Berufsanforderung nicht vom schönen Gequatsche und der großen synchronisierenden Kraft von Macht und Geld täuschen lässt, wird er von der Autorin nach Linz berufen. Dort sitzt er jetzt und beide wissen: Die Stadt braucht einen kriminalistischen Blick auf die Kulturhauptstadt. Es liegt nämlich der Verdacht auf ein Verbrechen nahe. Man staune: Der stellvertretende Intendant wurde mit dem Gesicht nach unten in der Donau gefunden. Sorry, das ist jetzt nicht persönlich gemeint, das braucht es nur für die Entwicklung der Geschichte im Ganzen. Weil: Es braucht Kritik für alle.
Identität.
Natürlich, es bleibt zunächst alles ganz an der Oberfläche. Schnell ist klar: Es gibt einen Unterschied zwischen einer Unmenge Arbeitsbeziehungen und einem Rest an Leben, in dem still nichts passiert. Die Ermittlungen beginnen deshalb, wegen Abwesenheit wirklicher Beziehungen, im Arbeitsleben des Toten. An der neuen Arbeitsfront, wo Kreativität ins System Geld eingespeist werden soll. Dementsprechend dort, wo Sehnsucht und Verbitterung auf beiden Seiten groß ist: Projekte über Vorhaben, die verwirklicht werden wollen und wollten, tausende an der Zahl. Ablehnungen. Es gibt ein ganzes Theater, das nach Afrika zwangsverfrachtet wurde und allen Grund hätte, sauer zu sein. Das aber ob der Distanz gar nicht einzuvernehmen ist. Es gibt eine Reihe an Absagen, wo der Fahnder den Kopf schüttelt um im nächsten Moment mit den ganz niederen Interessen von Karriereschachzügen aller Beteiligten konfrontiert zu sein. Eine solche Anzahl an sozusagen sachdienlichen Hinweisen habe er noch nie gesehen, sagt der Ermittler lapidar, natürlich nur als Nebenbemerkung – das käme so ungefähr einer Fahndung nach irgendwas gleich. Denn dass es doch um schon was geht, hat der Kriminalist natürlich auch gleich geschnallt. Und auch, dass das Kind einen Namen haben soll, nämlich „kulturelle Identität“. Der Handel mit dem Echten. Dieses Wort, Identität, hat er so oft wie noch selten gehört. Es ist die Rede von europäischer Identität, der Identität der Vielen, von der Identität des Einen, der die Donau hinunter- und hinaufgondelt. Übrig bleiben politische Macht, Respektlosigkeit, Marketingfloskeln, ein NLP-Theater der Anteilnahme und eine durch ihr eigenes Vorhaben geknebelte Kulturverwaltung, die abseits der Jubelhaltung zumindest offiziell zu ihrer eigenen Versklavung schweigt. Fazit: Je weiter oben die abstrakten Ideen ansetzen, desto uninteressanter ist es für den Ermittler, diesen Ansatz als solchen zu verfolgen. Natürlich müssen in diesem Teil ein paar geschickte Verdachtsmomente gestreut werden, ein skurriles Kunstprojekt eines irren Einzelkünstlers vielleicht. Oder die sofort einsetzenden Nachbesetzungsgelüste der offenen Stelle aus der hiesigen Aufsichtsratszene, die durch alle möglichen Seilschaften interveniert. Damit es nicht völlig uninteressant für den Kriminalisten wird, zwischen Sinn, Eitelkeit und echter Skrupellosigkeit zu ermitteln. Aber letzten Endes ist rechtlich gesehen alles gerade noch soweit ok, dass die prinzipielle Sauerei kein richtiges Motiv hergibt. Denn das ist überall gleicher als gleich: In der Herstellung solcher Umstände liegt die wahre Professionalität.
Eroberung.
Gehen wir zum Klatsch und Tratsch, sozusagen in die Niederungen der Eroberung. Denn die amourösen Instinkte sind für ein Verbrechensmotiv sehr oft die fruchtbareren. Zumindest wenn man das Leben als Film inszeniert. Da hätten wir also den im Donauhafen vielleicht abgesoffenen Stellvertreter des Intendanten, der, das kommt im Gossiptalk der Szene schnell ans Licht, dieselbe untergebene Geliebte hatte wie der Intendant. Delikat, delikat. Und interessant! Denn selbst bei globalen Spielern ziehen sich die intimen Felder auf die allerkleinstmöglichen Einheiten der Besitzlust zurück. Vielleicht doch Liebeskummer? Aber das ist ja nur die Spitze des Eisberges. Ganz abgesehen davon entdeckt der Kommissar nämlich eine Menge anderer Beziehungsgeschichtchen, innen ist außen, Freund ist Feind und umgekehrt. Alle halten sich fest umklammert und trennen sich auch im Bedarfsfall. Hier zu moralisieren liegt ihm aber fern, schon überhaupt als Kriminalbeamter will er das gar nicht. Schließlich weiß er vom allumfassenden Bedürfnis nach emotionaler Provinz und persönlichem Fortkommen: Der Ort, wo sich die wahre touristische Transformation abspielt. Die Kulturhauptstadt habe sich jedenfalls in die Körper der Beteiligten gefressen und durchzieht den Stadtkörper wie ein riesiges, mitten im Koitus steckengebliebenes Kopulationsnetzwerk. Sozusagen in Aktions-Katatonia. Für ihn sind die speziellen Konstellationen jedenfalls neu, er wurde von außen zugezogen. Und wie ihm der Intendant letztens vertraulich zugeflüstert hat, auf sein höchstpersönliches Geheiß, denn: „Hier gibt’s überhaupt kein internationales Personal, nicht einmal bei der Polizei. Da musste ich natürlich selbst intervenieren!“. Noch im selben Moment weiß der Ermittler, dass das Blödsinn ist, aber seit dem Tod seines Alter Egos scheint der Intendant völlig durch den Wind zu sein. Das macht ihn natürlich grundsätzlich verdächtig. Die Geliebte, die das zufällig hört, wendet sich angeekelt ab. Seit der eine tot ist, interessiert sich der andere nur mehr Null für sie. Tragisch sei das alles, sagt sie, ja. Aber traurig, das sei sie nun auch wieder nicht, keine Spur. Dafür zahle sich das alles nicht aus, hier werde doch nur mit Emotionalität gespielt: Der Rest ist Scheinemanzipation. Ihm, dem Bullen braucht man das Spiel um good cop/bad cop nicht groß zu erklären. So oder so, er weiß, dass das bestens funktioniert. In der Eroberung von Stadt und Land.
Suburbia.
Wenden wir uns der Leiche zu, und damit der Todesursache. Denn der Tod, die Art und Weise des Tathergangs lassen auf die wesentlichen Gründe des Verschwindenmüssens rückschließen. Die lokalen Medien machen da schon seit geraumer Zeit Druck, mit Schlagzeilen wie „Tot! Warum nur?“. Sogar das überregionale Medienecho ist mehr als beachtlich. Es steigert sich ins unermessliche, als die Leiche selbst aus der Gerichtsmedizin verschwindet. Die politischen Vertreter rotieren und beschwichtigen gleichzeitig. Der Intendant fordert inzwischen „Investigation für alle“. Er ärgert sich, weil „in dieser Stadt sogar der Leichendiebstahl kein erfrischendes Novum ist“. Einstweilen brechen im Süden der Stadt Unruhen aus, die sich durch schwelende Jugendrandale schon länger angekündigt haben, zumindest schreiben das die Zeitungen. Jetzt brennt Suburbia – dort, wo als bevorstehendes Kooperationsprojekt „der tatsächliche oder eingebildete Normalzustand“ erprobt werden soll. Dort, wo sich in der Folge der Vorbereitungen die verarmte Kunstszene und die Unterschicht zu einem kuriosen Gemisch versammelt haben. Es geht rund am Stadtrand, die Leiche wird sofort dort vermutet. Der Intendant will einen Versuch wagen und lädt jede einzelne Person auf Tee oder Kaffee zu sich ein, „um kreative Lösungen zu finden, um von einer eventuellen Strafverfolgung abzusehen“. Die Jugendlichen pfeifen aber auf die Einladung, sie antworten: „Wir scheißen auf die Einladung“ und haben das offizielle Logo der Kulturhauptstadt in bestechender Logik mit einer anderen Körperöffnung als dem Nabel verziert. Die Kunstszene gibt sich vornehmer und ruft: „Sie haben uns den Neoliberalismus nach Linz gebracht!“ und formuliert ein Positionspapier über ein System, das weltweit den Bach hinuntergeht, aber hier abgefeiert werden soll. Andere haben lustige Kampagnen gestartet, in der sie den Intendanten selbst als Mörder hochhalten und dazu frech lachen. Die Medien geben sich bestürzt über die Pietätlosigkeit. Statt der nicht vorhandenen betroffenen Familie des Toten flehen die Stadtväter um Herausgabe der Leiche. Dem Ermittler werden jedenfalls seine Befugnisse entzogen, weil er keine Ergebnisse vorweisen kann und sich weigert, echte Parallelen zum Fall Flick zu ziehen. Er darf wieder seine Koffer packen. Dafür riegelt man präventiv den Stadtteil ab und kippt ganz allgemein in ein hektisches Gefühl von Terror, weil einem sonst nichts einfällt.
Nichts war.
Dinge und Menschen verschwinden. Werden beseitigt. Saufen oft einfach ab. Wollen selbst nach ihrem Ableben nicht mehr vorhanden sein. Die Sache wird verdunkelt. Wahrscheinlich ein psychopathischer Einzeltäter, der mit Ende des Jubeljahres wieder abreisen wird. Vielleicht auch ein Unfall. Wen interessiert‘s wirklich? Die Stelle wurde bereits durch die besagte angedeutete Intervention sozusagen familiär, aber doch ganz anständig qualifiziert, nachbesetzt. Der Kommissar soll auch gleich wieder abreisen. So als ob nichts gewesen wäre, weil nichts gewesen sein kann. Und wie kommt die Autorin aus der Sache heraus? Der Sachverhalt muss zumindest als verdrängter Zusammenhang omnipräsent sein, deshalb: Lassen wir am Ende das Jahr mit einem Feuerwerk beginnen. Denn das, was wirklich Unbehagen macht, schwebt auch abseits von Jubelanlässen als monströses Wetterleuten über uns: Erdrückende Ungleichheiten, denen in einer Manie der Depression zugearbeitet werden soll, und das ist durchaus global und wirtschaftlich gemeint. Zerschlagene gesellschaftliche Strukturen, die sich als so genanntes Kommunikationsproblem bereits ganz offensichtlich und offensiv in Schizophrenie äußern. Und das ist durchaus prekär gemeint. Unser Kommissar verlässt jedenfalls pünktlich mit Jahreswechsel die Stadt: Während der SilvesterEröffnungsfeierlichkeiten, die sich noch als Cityglanz über dem Himmel ausbreiten, fährt er hinaus durch den Süden. Im verlassenen Suburbia räumt man bereits auf und stellt sich auf den wirklichen Ausnahmezustand ein. Reale Fiktion, fiktive Realität: Dieses Projekt wurde bei Linz09 weder eingereicht noch abgelehnt.
Tanja Brandmayr - Arbeitet zwischen Text und Performance, ist Mitherausgeberin und Redakteurin bei der Linzer Kulturzeitschrift SpotsZ und Mitglied des Kunst und Aktionskollektives Hubraum.